Das Wassertanzen – Auf den Spuren einer fast vergessenen Kunst

Stilles Wasser, über das nicht mal der Hauch einer Welle läuft, ist notwendig. Nur dann kann eine Tänzerin es wagen, ihren Fuß auf den Wasserspiegel zu setzen und über die dadurch erzeugte Welle hinwegzuspringen, immer wieder dahin, wo für einen Augenblick lang das Wasser vollkommen glatt ist. Das Gewicht der Tänzerin ist unwichtig, es zählt allein ihr Geschick.

Das Wassertanzen ist eine alte Kunst, die nur noch an wenigen Orten geübt wird. Einer dieser Orte ist das Dorf Feslad, das versteckt an der Grenze Österreichs, Südtirols und der Schweiz liegt. Die Fahrt dauert drei Stunden und führt größtenteils über kurvige Bergstraßen hinauf und hinunter durch schmale Schluchten und selten besuchte Pässe.

Hinter jedem federleichten Schritt auf dem Wasser steckt jahrelange Übung. Die Neigung des Fußes, der Schwerpunkt und die Geschwindigkeit der Schritte sind entscheidend. Schon die kleinen Mädchen beginnen zu üben, obwohl in dem Alter nur die wenigsten die nötige Geschicklichkeit besitzen. Die kleinen Mädchen jauchzen und kreischen, wenn sie in das Wasser eintauchen und während sie ungeduldig warten, dass es wieder glatt wird, üben sie die Schritte und probieren die Instrumente aus. Das Warten auf die Ruhe gehört zum Wassertanzen dazu. Doch wer die richtigen Töne auf den Instrumenten findet, dem scheint es, als würde das Wasser sich schneller beruhigen. Wenn die Kinder das erste Mal den Fuß genau im Takt aufsetzen und, anstatt zu fallen, gehalten werden, strahlen sie über das ganze Gesicht. Doch dann plumpsen sie mit Sicherheit gleich darauf hinein, denn niemand kann auf Wasser stehen. Tanzen ist der einzige Weg. Man sagt, den zweiten Schritt zu lernen, dauert genauso lange wie den ersten.

An den großen Festtagen zeigen die älteren Tänzerinnen, was sie können. Es ist wunderbar anzusehen, wie sie synchron auf das Wasser steigen, synchron die vielen kleinen Schritte machen, synchron die Arme biegen wie die Wellen unter ihren Füßen, sich drehen und über die Wellen der anderen springen. Die kreisförmigen Wellen zeichnen ihre Schritte nach. Alle halten den Atem an, wenn das Wasser schon aufgewühlt ist, denn es gibt doch sicher keine ruhige Stelle mehr und gleich werden sie hineinfallen. Doch die Tänzerinnen halten sich weiter im Takt der Musik auf dem Wasser, als gäbe es nichts Leichteres auf der Welt. Gerade wenn die letzte Note der Musik erklingt, springen sie an den Beckenrand und lassen aufgewirbeltes Wasser zurück, in dem kleine Wellenberge und -täler entstehen, die sich gegeneinander bewegen und auslöschen. Ortsfremde Beobachter:innen fragen sich, ob Wasser nicht doch fest ist und tasten mit den Schuhspitzen nach der Oberfläche. Doch der Schuh taucht ein und sie gehen mit einem nassen Fuß nach Hause.

Denn es ist die Musik, worauf es ankommt. Es ist die alte Melodie der Flöten und Geigen und der Rhythmus der Trommeln, die den Tanz erlauben. Das Wasserlied wird von Generation zu Generation weitergegeben und erzeugt erst den Halt, auf dem die Tänzerinnen tanzen. Genauso wie Musik in die Menschen eindringt und an den Gedanken vorbei an einen Ort tiefer in ihnen taucht, dort wo die Gefühle und Sehnsüchte herkommen und Füße zum Wippen und Finger zum Zucken bringt, so geht das Wasserlied an der Physik der Wassermoleküle vorbei, tiefer zu dem, was es heißt, Wasser, was es heißt still, zu sein. Die Musik trägt die Tänzerinnen über das Wasser, indem sie es vergessen lässt, durchlässig zu sein.

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